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Kommentar zum Artikel "Konsenspapier liegt vor" in der Neuen Westfälischen vom 30.4.2002

Ich bin zutiefst empört über das, was ich diesem Artikel gelesen habe! Da wird doch tatsächlich der Eindruck erweckt, als sei die großartige Lösung der derzeitigen Schulproblematik gefunden worden in Form eines Konsenspapieres des Integrationsbeauftragten und nur die Landeskirche „mauere“ noch und stelle sich quer. Es wird der Eindruck vermittelt, als sei die Landeskirche einer religiösen Minderheit gegenüber intolerant und Politiker aller Parteien appellieren an die Toleranz und Kompromissbereitschaft. Da geht mir wirklich der Hut hoch.

Es ist doch gerade so, dass umgekehrt ein Schuh daraus wird. Mennonitische Fundamentalisten sind es doch, die den Konsens aufgekündigt haben. Sie sind es doch, die Verträge brechen, Mehrheitsentscheidungen ignorieren, die den Erziehungsauftrag der Schule ablehnen und boykottieren.

Und jetzt kommt da ein sogenanntes Konsenspapier, dass ausschließlich dem Verhalten dieser Gruppe Rechnung trägt!? Einer Gruppierung, die zutiefst intolerant und undemokratisch ist und massive totalitäre innere Strukturen aufweist. Wo sind die Grünen, die aufschreien, wenn diese Leute predigen, dass die Frau dem Mann untertan zu sein hat und ihre Hauptaufgabe das Gebären ist? Wo sind die Demokraten, die aufschreien, angesichts der Tatsache, dass der „Vertreter“ der Mennoniten bei den Gesprächen nicht einmal ein Mandat gehabt haben soll? Wo sind die ganzen Superpädagogen des Ministeriums für ...usw., die die Kinder und Jugendlichen zur Mündigkeit, Gleichberechtigung und sozialer Partizipation erziehen wollen?

Der Konsensvorschlag des Herrn Integrationsbeauftragten ist m. E. das Papier nicht wert, auf dem es steht. Denn was steht da eigentlich wirklich?

Da steht drin, dass die Schule und der Schulträger gefälligst das tun haben, was gewisse fundamentalistische Kreise bestimmen. Wenn diese ihre Kinder nicht auf Klassenfahrten fahren lassen wollen, dann brauchen sie das eben nicht. Wenn 20% einer Klasse dann aufgrund „religiöser“ und/oder erzieherischer Bedenken nicht mitfahren, dann kann die Klasse eben nicht fahren (finanziell und organisatorisch gibt es eben Grenzen). Eine Minderheit bestimmt also, was geschieht, ganz gleich, was eine Mehrheit vielleicht beschlossen hat. Genau das war doch der Knackpunkt, oder? Das Ganze nennt man Demokratie und v.a. „Konsens“. Konsens war für mich bisher immer, dass Schulfahrten stattfinden, das war schon zu meiner Schulzeit so. Dieser Konsens gilt jetzt nicht mehr? Vielmehr gilt jetzt die Beliebigkeit?

Dann heißt es wortgewaltig, bei „Problemen suchen Eltern und Lehrer im Interesse der Kinder (...) frühzeitig das Gespräch miteinander“. Was glaubt eigentlich der Herr Integrationsbeauftragte, was wir hier seit Jahren tun? Warum ist die Situation denn derartig eskaliert? Die Antwort ist ganz einfach: Weil ein Entgegenkommen der Fundamentalisten bisher noch nie stattfand und die Situation immer unhaltbarer wurde. Schulleiter und Lehrer könnten Bände füllen angesichts der unzähligen unfruchtbaren Gespräche, die m.E. nur Zeitverschwendung waren und Ressourcen abzogen, die anderswo sinnvoller hätten eingesetzt werden können.

„Bei unterschiedlichen Auffassungen sollen sich alle Beteiligten so verhalten, dass Kinder nicht gegen ihre Lehrer oder ihre Eltern aufgebracht würden“. Was heißt denn dieser geniale Satz nun wieder? Er bedeutet kurz gesagt für die Lehrer, was ihren Unterricht betrifft: Nur nicht anecken! Wenn einem Fundamentalisten die Schullektüre nicht passt, weil das Wort Teufel irgendwo vorkommt, dann lesen wir sie eben nicht. Wenn ein Fundamentalist der Auffassung ist, eine Moschee zu besuchen und sich mit dem Islam zu beschäftigen sei „überflüssig, weil es die Kinder und Jugendlichen nur vom Glauben abbringe“, dann lassen wir es eben. So viel zum beschworenen „interkulturellen Lernort“ und zur Toleranz.

Aber auch mal ganz praktisch: Wenn ich die Entwicklung des Menschen vom frühen Vormenschen bis zum Homo sapiens erkläre und die Eltern erklären zu Hause, das sei Unsinn, wo bleibt da der Konsens?

Konsens bedeutet wohl auch: Bloß keine Kritik üben! Der Herr Integrationsbeauftragte sah es gar nicht gern, dass im Unterricht das Buch „Himmel-Hölle-Welt“ gelesen wurde. Wenn man sich schon mit Sekten (sprich: religiösen Sondergruppen) beschäftigt, dann doch bitte nicht mit einer vor Ort, am besten wohl mit einer, die es gar nicht mehr gibt oder eine von früher. Bloß nicht anecken!

Apropos Toleranz: Wie viel Intoleranz muss man eigentlich tolerieren? Müssen wir in Zukunft auch tolerieren,  dass man die Toleranz abschafft? Wenn die einzig wahre Lehre die mennonitisch-fundamentalistische ist, dann sehe ich schwarz. Was bleibt eigentlich von den ganzen hehren schulischen Erziehungszielen, wenn sie jeder, der sie nicht akzeptieren will, boykottieren kann?

Der nächste Konflikt ist vorprogrammiert.

Ich habe den Bericht des Herrn Integrationsbeauftragten an den Ausschuss für Migration des Landtages gelesen und muss sagen, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass hier Probleme unter den Teppich gekehrt werden sollen und –wenn auch klug in Worte gesetzt- man die Beteiligten sich wieder einmal sich selbst überlässt – aus welchen Gründen auch immer. Die Wahlen vielleicht oder das Zuwanderungsgesetz? 

Oder will man die Probleme einfach nicht sehen? Ich hatte den Eindruck, dass der Integrationsbeauftragte sehr wohl die Problematik erfasst hat, aber seine Folgerungen und seinen sog. Konsenskatalog kann ich wirklich nicht nachvollziehen.

Will man einfach seine Ruhe haben? Oder müsste man eventuell zugeben, dass Integration auch scheitern kann? Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Was dem Herrn Integrationsbeauftragten anscheinend gar nicht aufzufallen scheint, ist, dass im Grunde eine ganze Stadt/Region von einer fundamentalistischen Gruppierung erpresst wird. Eine relativ kleine, gut organisierte Gruppe, inzwischen leider aber durchaus groß genug, sprengt die hiesige Schulstruktur. Ursache bzw. Anlass: Im Grunde eine Lappalie, nämlich die sog. Klassenfahrten. Ohne Rücksicht auf die Schullaufbahn und Zukunft ihrer Kinder werden diese von fundamentalistischen Eltern an der Hauptschule Waldschule angemeldet, wo sie nicht hingehören und die aus allen Nähten platzt, während die Realschule sie gut aufnehmen könnte. Vielleicht sollte hier einmal eine vernünftige Güterabwägung erfolgen: Klassenfahrten versus Berufsperspektive. Wer nimmt hier wohl keine Rücksicht oder ist borniert? Und wie weit gehen solche Erpressungen in Zukunft?

Was bisher in der Diskussion überhaupt noch nicht zur Sprache gekommen ist: Die Landeskirche hat ihre Haltung bisher sicher nicht aus Borniertheit eingenommen. Sie agiert im Sinne der Mehrheit der Eltern, denn diese haben beschlossen, dass die Stufen- und Studienfahrten stattfinden sollen. Sie agiert im Sinne der Mehrheit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die sich für Konsequenzen ausgesprochen hatten, wenn die Schulverträge nicht eingehalten werden und sich das Verhalten gewisser Eltern nicht ändert. Sie agiert auch im Sinne der Mehrheit der Schülerinnen und Schüler, die gerne diese Fahrten unternehmen wollen.

Ich frage mich, was passiert, wenn Politiker ständig Mehrheiten ignorieren und andererseits dem Druck irgendwelcher Gruppen nachgeben.

Die Landeskirche macht sich die Entscheidungen, die getroffen wurden und die zu treffen sind, mit Sicherheit nicht leicht, denn – und das möchte ich v.a. auch als Mitarbeitervertreter betonen - immerhin hängen davon auch Arbeitsplätze ab. Nehmen an unserer Schule die Schülerzahlen ab, bedeutet das das Aus für bestimmte Kollegen. Manche müssen bereits um ihren Arbeitsplatz fürchten, andere sind bereits freiwillig gegangen, obwohl sie gerne dageblieben wären. Wieder andere werden vielleicht zwangsversetzt. Dass dies so kommen würde, war auch fundamentalistischen Eltern bewusst. Wie sonst lässt sich die Aussage eines mennonitischen Vaters einer jungen Kollegin gegenüber erklären, der sinngemäß bemerkte, er finde es ja schade, wenn sie ihre Stelle verlöre, wenn die ganzen Mennoniten ihre Kinder nicht mehr an der Realschule anmelden würden. Ist das Zynismus, Kalkül oder Scheinheiligkeit? Ich nenne es Erpressung.

Anmerken möchte ich an dieser Stelle noch, dass nicht die Mennoniten, die ich als Glaubensgruppe sehr schätze, das Problem bei uns sind, sondern innerhalb dieser sehr heterogenen Gruppe ein fundamentalistischer Kern, der seit Jahren ständig den Schulfrieden stört.

Ich hoffe sehr, dass die Landeskirche eine wirklich praktikable Lösung findet, die im Interesse aller Beteiligten liegt und ich beneide sie in dieser verzwickten Lage nicht darum, alleingelassen von der Politik, eine Entscheidung treffen zu müssen.

Andererseits könnte ich mir auch Lösungen vorstellen, die allen Seiten ein Stück entgegenkommen, Lösungen, bei denen vielleicht keiner ganz zufrieden ist, aber mit denen man zumindest leben könnte.

Ulrich Schlick (Lehrer an der Birger-Forell-Realschule und Mitarbeitervertreter)

 

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