Mein
Sozialpraktikum auf dem Wittekindshof
von Maren Jotter
Anmerkung: Alle Namen der
genannten Personen wurden geändert.
Einleitung
Mein
Sozialpraktikum vom 11.10.04 bis 15.10.04 mit dem Sowikurs habe ich auf dem
Wittekindshof gemacht.
Meinen persönlichen Einsatz habe ich im Bereich Haus Bethanien in
Gruppe 1 gemacht.
Das Haus Bethanien
ist ein Bereich, in dem erwachsene Menschen mit Behinderungen verschiedenster
Art wohnen, versorgt und die mit vielen Therapien und Programmen gefördert
werden.
Gruppe 1 des Haus
Bethaniens hat 22 Bewohner. Dort arbeiten Menschen, die unterschiedliche
Berufe haben, zum Beispiel Erzieherinnen, Krankenschwestern und Ärzte, aber auch
eine Musiklehrerin arbeitet dort und bringt ihre musikalische Fähigkeit in das
Leben der Menschen mit Behinderungen ein.
In dieser Gruppe
leben Menschen mit den unterschiedlichsten Arten der Behinderung. Mir kam es so
vor, als ob niemand dort die gleiche Behinderung hat. Die Bewohner hatten auch
sehr unterschiedliche Verhaltensweisen. Eine Frau zum Beispiel saß, nachdem sie
von ihrer Arbeit aus der Werkstatt gekommen ist, den ganzen Tag auf einem Stuhl
und hat nichts gemacht, wobei eine andere Frau, die mehrstschwerfachbehindert
ist und fast nicht sehen kann, viel gelacht und erzählt hat. Obwohl sie nur in
ihrem Rollstuhl liegen konnte und sich fast nicht bewegen konnte, hat man
richtig gemerkt, ob sie jetzt fröhlich und gut gelaunt ist, oder ob sie jetzt
nicht so gut drauf ist, was allerdings fast nicht vorkam.
Oder zum Beispiel
Jan. Er ist etwa dreißig Jahre alt, sieht aber aus wie fünfzehn. Er ist ein
Mensch, der sehr viel Kontakt zu anderen Menschen braucht. Er kann ganz normal
gehen und spricht sogar einzelne Wörter. Ganz besonders begeistert ist er von
langen Haaren. Auch singt er sehr gerne das Lied Bruder Jacob. Man merkt also
sofort wenn man in diese Gruppe hinein kommt, dass diese Menschen dort
einzigartige Persönlichkeiten sind und sie völlig unterschiedliche Interessen
und Vorlieben haben. Lisa zum Beispiel isst gerne Papier oder kaut darauf herum
und singt den ganzen Tag, wenn sie gut gelaunt ist. Wenn man mit ihr im Freien
spazieren geht oder sie in einen anderen Bereich bringt, hält sie sich total
fest an einem fest und will nicht losgelassen werden, weil sie sonst
fürchterliche
Angst bekommen würde.
Die Führung
Bei einer Führung durch den Wittekindshof wurde sehr deutlich, dass der
Wittekindshof wie ein Dorf ist, wo es viele verschiedene Bereiche gibt, zum
Beispiel ein Therapiezentrum, drei Schulen, die Kinderheimat, der Förder- und
Beschäftigungsbereich der Wittekindshofer Werkstädten, bei dem die Bewohner zum
Spielen angeregt werden oder zum Smuseln und noch
viele mehr. Auch gibt es in dem Wittekindshof ein Cafeteria, wo alle Mitarbeiter
und auch einige der selbständigeren Bewohner ihr Mittagessen kaufen können.
In dem
Wittekindshof wurde sogar ein eigenes Schwimmbad gebaut, dass besonders von den
Schulen, aber auch von anderen Bewohnern, zum Beispiel im Rahmen eines
Therapieprogrammes oder zur Entspannung oder eventuell zur Lockerung
verkrampfter Muskeln von einzelen Bewohnern
genutzt wird.
Beschreibung meines Einsatzortes
Mein persönlicher
Einsatzort auf dem Wittekindshof während meines Praktikums war, wie ich schon
erwähnt habe, in dem Bereich Bethanien in Gruppe 1.
Gruppe 1 ist die
größte Gruppe in diesem Bereich. Nach der Meinung einer Mitarbeiterin dort, hat
diese Gruppe jedoch viel zu wenige Betreuer, was eigentlich ein größeres Problem
darstellt, da die Bewohner dieser Gruppe es benötigen, ausreichend Beschäftigung
zu haben. Auf Grund dieses Problems sitzen oder je nach körperlicher Behinderung
liegen viele der Bewohner nur herum. An zwei Nachmittagen während meines
Praktikums dort hat eine der Betreuerinnen den Leuten von unserer Gruppe mit
ihrem Akkordeon Lieder vorgespielt, mit ihnen viele einfache Lieder gesungen und
getanzt.
Dabei konnte ich
die Bewohner gut beobachten und habe festgestellt, dass fast alle so begeistert
davon waren, das sie in die Hände geklatscht haben oder einfach nur laut gelacht
haben. Für mich war das einer der schönsten Momente dort. Einfach zu sehen, wie
diese Menschen sich dort an Kleinigkeiten freuen, die für uns etwas
selbstverständliches und alltägliches sind und ihre Begeisterung ungeniert
zeigen können, ohne sich irgendwie zu schämen ist richtig schön
Die Gruppe dort
ist eingerichtet wie ein Kindergarten. Alles ist dort sehr farbenfroh und
abwechslungsreich.
In dem Großen
Gemeinschaftsraum, der auch gleichzeitig der Raum ist, in dem die Bewohner ihre
Mahlzeiten (Frühstück, Mittagessen, Kaffee und Abendbrot) essen, gibt es einen
Schrank mit vielen unterschiedlichen Spielen, ein großes Kuschelsofa sowie einen
Fernseher, dem die Bewohner aber nicht all zu viel Beachtung geschenkt haben.
Die Menschen leben
dort in Zweibettzimmern, die sehr gemütlich gestaltet sind und mit vielen, ganz
persönlichen Gegenständen, wie zum Beispiel mit ein Netzregal, Kuscheltieren
usw. eingerichtet sind.
Auch ist die ganze
Gruppe, den Jahreszeiten angepasst, mit Sachen wie selbst hergestellten
Kürbissen usw. dekoriert, was einem das Gefühl gibt, in einem ganz normalen
Haus willkommen zu sein, als in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen.
Der Tagesablauf in Gruppe 1
des Bereiches Haus Bethanien
Der Tagesablauf
für die Bewohner dort gleicht eigentlich einem ganz normalen Alltagstag bei uns,
wenn er auch ein wenig mit Therapien aus der Rolle fällt.
Morgens um 8.00
Uhr bekommen die Bewohner ihr Frühstück von den Mitarbeitern.
Danach dürfen sich
die Bewohner frei beschäftigen, sofern sie dazu überhaupt in der Lage sind und
nicht durch ihre körperliche oder geistige Behinderung beeinträchtigt sind.
Viele sitzen oder liegen dann einfach nur herum und starren in die Luft oder
schlafen.
Über eine Frau
dort weiß ich, dass sie in der Werkstatt arbeiten geht. Die anderen bekommen
Beschäftigung durch die Mitarbeiter, wenn diese überhaupt Zeit dazu haben und
nicht andere Aufgaben erledigen müssen.
Nachmittags, etwa
um 15.30 Uhr bekommen die Bewohner Kaffee mit einer Kleinigkeit zu essen. Dabei
muss man auf die verschiedenen Behinderungen der Menschen acht geben, da eine
zahnlose Frau oder ein zahnloser selbstverständlich keiner festen Sachen esse
können oder eine blinde Frau oder ein blinder Mann nicht alleine essen kann, man
muss denjenigen also füttern, wobei man auch wieder sehr eine große Geduld haben
muss.
Als ich Carolin
füttern sollte, wurde ich vorher schon gewarnt, dass sie ihr Essen und ihr
Trinken total schnell leer hat, aber als ich sie dann gefüttert habe, war ich
trotzdem sehr erstaunt darüber in welcher Geschwindigkeit sie ihr essen
hinunterschlingt. Sie hat einen sehr große Tasse Kaffee mit nur ungefähr vier
Schlücken getrunken und eine Große Waffel an sie sich ganz in den Mund gestopft.
Das hat mich wirklich sehr ins Staunen versetzt.
Bis zum Abend
dürfen sich die Bewohner wieder beschäftigen, bis auf Zwei, sie wurden in den
Förder- und Beschäftigungsbereich der Wittekindshofer Werkstädten gebracht.
Wenn eine
Betreuerin oder ein Betreuer einen Bewohner in einen anderen Bereich bringt,
muss sie oder er noch mindestens einen Bewohner mit nehmen, damit er an die
frische Luft kommt und einmal etwas Abwechslung bekommt.
Dazu werden mit
den Bewohnern öfters Fahrten in den Werre-Park veranstaltet, wovon mir auch
Einige in unserer Gruppe total begeistert davon erzählt haben und stolz ihre
Kleider vorgeführt haben, die sie dort gekauft haben.
Biographie eines Bewohners mit
Behinderungen schweren
Grades
Lena ist 35 Jahre
alt, sieht aber wesentlich jünger aus. Sie hat eine Behinderung stärkeren Grades
und wohnt schon seid sie zehn Jahre alt ist, also seid 25 Jahren, auf dem
Wittekindshof.
Sie ist auf dem
Entwicklungsstand eines zwei- oder dreijährigen Kindes. Ihre Behinderungen hat
sie schon von Geburt an und kann deswegen sehr schlecht gehen und fast gar nicht
reden.
Trotz all dem ist
sie ein sehr liebenswürdiger Mensch. Sie hat ein zugängliches und liebes Wesen,
da sie auch sehr viel von ihrer Mutter besucht und umkümmert wird. Ihre anderen
sozialen Kontakte schränken sich auf die Mitarbeiter in der Gruppe ein.
Lena redet nur
einzelne Wörter, wovon ich in den ersten Tagen meines Praktikums überhaupt
nichts mitbekommen haben. Als Mirjam und ich dann einmal mit ihr mit einem Ball
gespielt haben, habe ich schon gemerkt, dass es ihr total viel Spaß macht. Sie
hat versucht, in ihre Hände zu klatschen und hat angefangen, laut zu lachen,
wenn sie den Ball zurückgerollt hatte. Als ich kurz einer Mitarbeiterin geholfen
habe, den Wäschewagen wegzubringen und kurz darauf wieder zurückkam, hatte Lena
das Wort Hoppla gesprochen. Dann hat sie den ganzen Tag nur noch Hoppla
gesagt und hat mich am nächsten Tag mit diesem Wort begrüßt und mich angelacht.
Das war so ein tolles Ereignis, dass ich nur noch gestaunt habe. Anhand dieser
Begebenheit habe ich sehr gut erkennen können, dass in Menschen mit
Behinderungen viel mehr steckt, als man auf den ersten Blick zu sehen meint und
dass sie das Leben unglaublich mit ihrem Dasein bereichern können.
Lena hat sehr
interessante Vorlieben. Sie sucht gerne Fussel an ihrer Kleidung, um diese dann
zu kleinen Kügelchen im Mund zu formen. Außerdem hört sie sehr gerne Musik,
besonders Volksmusik. Auch mag sie wie Jan sehr gerne lange Haare, bloß um nicht
ganz sanft darüber zu streicheln, sondern um daran zu ziehen und nicht mehr los
zu lassen. Besonders wenn Lena jemanden drücken will, muss man sehr gut
aufpassen, weil sie so fest zudrücken kann, dass man das Gefühl bekommt, sie
wöllte einen erwürgen.
Begabungen hat sie
in unseren Sinne keine, sie spürt aber eine ganze Menge, zum Beispiel, wenn man
selber fröhlich oder traurig ist oder auch wenn man über sie redet.
Lena hat keine
Schul- oder Ausbildung, aber sie wurde mit der Krankengymnastiok gefördert und
mit der Heilförderungshilfe. Außerdem geht sie zu einer Musiktherapie.
Bei Lena ist
anzumerken, dass sie sehr empfindsam ist und knurrt, wenn sie sich wohl fühlt.
Sie kann auch ganz schnell ihre Launen wechseln. Sie ist zum Beispiel in dem
einen Moment noch noch richtig fröhlich und ausgelassen , doch vin einem
Augenblick zu dem anderen kann sie richtig missmutig und böse werden. Wenn sie
einmal in solch einer stimmung ist, kann man sie aber wieder sehr leicht
ablenken und sie wieder Fröhlich machen.
Insgesamt konnte
ich sehr gute Erfahrungen mit Lena sammeln und sie sehr gut kennen lernen.
Eigene Erfahrungen in der Arbeit
und im Kontakt mit Menschen
mit Behinderungen
Insgesamt habe ich
sehr gute Erfahrungen im Kontakt zu Menschen mit Behinderungen sammeln können,
wenn ich mir auch gewünscht hätte, mehr über die Arbeit unter ihnen erfahren zu
können. Ich habe eigentlich nur einen minimalen Einblick in diese Arbeit
erhalten können.
Mir hat es großen
Spaß gemacht, mich um die Bewohner der Gruppe zu kümmern und sie zu
beschäftigen, wenn ich es oftmals eigentlich auch langweilig fand. Das lag
größten Teils aber auch daran, dass ich unsicher war, was ich alles mit den
Menschen dort machen durfte und ich mir deshalb dort selber eine Beschäftigung,
also Arbeit mit den Bewohnern suchen musste. Für mich war das auch am
anstrengendsten dort, Aufgaben zu finden, die ich tun konnte, ohne etwas zu
machen, womit ich die Mitarbeiter geärgert hätte.
Gegen Ende der
Woche wurde das auch besser, besonders auch deswegen, da eine Mitarbeiterin
einen Rundgang durch das Haus Bethanien mit und gemacht hat und wir am
letzten Tag mit zum Schwimmen gehen durften.
Wir haben zur
Schwimmhalle zwei Bewohner mitgenommen. Jan und Arthur.
Arthur hat sehr
schwere Behinderungen und seine Beine sind total verkrampft. Als er im Wasser
war, konnte ich Beobachten, wie er sich entspannt hat und ganz ruhig wurde. Er
machte dabei einen völlig zufriedenen Eindruck, nicht wie sonst in der Gruppe
einen gelangweilten oder sogar unzufriedenen Eindruck.
Auch Jan hat es
prima dort gefallen und er hat mit Mirjam und mir mit einem Wasserball gespielt,
wobei man ihm ziemlich oft sagen musste, was er jetzt zu tun hat. Die
Mitarbeiterin, mit der wir dort hingegangen sind, hat erzählt, dass Jan sogar
einmal alleine schwimmen konnte. Doch weil es zu wenige Mitarbeiter gibt, kann
man nur sehr selten mit ihm schwimmen gehen, Deswegen hat er das Schwimmen auch
verlernt, was sehr schade ist, weil er dadurch sehr gefördert wäre. Eigentlich
müsste oder sollte man sogar jeden Tag mit ihm in dem Schwimmbad schwimmen üben
gehen.
In unserer Gruppe
war auch eine ältere Bewohnerin, Louise, die auf mich einen recht fitten
Eindruck machte. Als wie an einem Tag fertig waren und aus dem Weg zur
Jungendherberge waren, begegneten wir Louise auf einer Straße im Wittekindshof.
Als sie mich sah, lächelte sie und fragte, wo ich hingehe. Dann rief sie mir zu:
Und grüße auch einmal deine Familie von mir.
An meinem
letzten Tag meinte sie auch zu mir, als ich mich von ihr verabschiedete. Aber
du wirst doch auch einmal an mich denken, oder?
Das waren so die
Erfahrungen, die ich während meiner Arbeit unter den Menschen im Wittekindshof
sammeln konnte.
Resümee
Bevor ich zum
Wittekindshof gekommen bin, hatte ich allerlei Bedenken wie das wird, ob ich mit
den Leuten, die dort arbeiten und mit den Leuten, die dort leben, zurechtkommen
würde.
Ich hatte dort
keinerlei Schwierigkeiten mit dem Umgang mit den Bewohnern dort klar zu kommen.
Im Gegenteil, mir hat es richtig Spaß gemacht etwas mit ihnen zu spielen oder
etwas mit ihnen zu unternehmen, wie zum Beispiel zu einer Therapie mit zu gehen
oder mit in das Schwimmbad zu kommen.
Meine Praktikum
auf dem Wittekindshof hat mir auch sehr dabei geholfen, die Vorurteile und
Ängste gegenüber den Menschen mit Behinderungen abzubauen und mir auch über
eventuelle Berufsentscheidungen zu helfen.
Vor meinem
Praktikum dort dachte ich, ich kann mit behinderten Menschen überhaupt nicht
umgehen und ich hätte große Schwierigkeiten, mich richtig zu verhalten. Doch
meine Arbeit dort hat mir gezeigt, dass es eigentlich überhaupt nicht schwierig
ist, unter den Menschen dort zu arbeiten. Also war das Praktikum in diesem Sinn
sehr vorteilhaft, doch im Blick auf die vielen verschiedenen Berufe dort oder
auf die Auseinandersetztung zwischen den zwei verschiedenen Welten, zwischen
denen man dort schwankte, fand ich persönlich diese eine Woche viel zu kurz, um
einen richtigen Einblick darin zu bekommen, was es bedeutet, mit den
Menschen dort langfristig zu arbeiten und sich mit den Unterschieden
auseinandersetzten zu können. Was ich dort kennengelernt habe, war ja nur ein
Bruchteil dessen, was es dort alles zu lernen un kennenzulernen gibt. Deswegen
hatte das Praktikum auf mich persönlich keine Auswirkungen, nur meine Vorurteile
gegenüber Menschen mit Behinderungen haben sich aufgelöst. Ich finde es aber
trotzdem sehr gut, dass wir die Möglichkeit zu diesem Praktikum hatten, auch
wenn man besser vorbereitet auf die Arbeit unter den Menschen mit Behinderungen
hätte werden sollen.
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