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Ergebnisprotokoll der Evaluationssitzung „Diakonisches Praktikum“ vom 27.06.2002

Anwesend:

Für die Schule: Frau Kreft (Schulleiterin), Herr Schlick (Initiator des Projekts), Frau Kühn (Erprobungsstufe), Herr Hass (Vorsitzender der FK Politik), Frau Lipke-Schlüter (FK Sozialwissenschaften), Frau Nagel (FK Religion) Frau Grebasch (Vorsitzende der Elternpflegschaft), Janine Brinkmeier („alte“ Schulsprecherin, Einsatzort Benkhausen, Johann-Hinrich-Wichern-Haus), Bettina Epp („neue“ Schulsprecherin, Einsatzort Hofladen des Ludwig-Steil-Hofes (LSH)), Silvia Silko (LSH Internat), Helena Klippenstein (LSH „Psycho-soziale Reha), Helena Martens (LSH Gruppenübergreifende Dienste psych. Reha), Erika Schmidt (LSH Psychiatrie Haus 1), Annika Nagel (LSH Psychiatrie, Haus 10), Stefanie Wenzel (Benkhausen, Amalie-Sieweking-Haus), Angelika Fast (Benkhausen Maidenheim), Martha Mazgaj (LSH Altenheim Volkeninghaus), Kristine Pott (Schülerin)

Entschuldigt fehlten: Herr Eichloff (Berufswahl), Herr Elias (Beratungsteam, Jungenarbeit).

  Für die diakonische Einrichtung Ludwig-Steil-Hof: Herr Pastor Nagel (Vorstand des LSH), Herr Bark (Beratung für junge Aussiedler, Schule und Internat des LSH) sowie zwei weitere Mitarbeiterinnen aus dem Internatsbereich, zwei Mitarbeiterinnen aus dem Psychiatriebereich. Entschuldigt fehlten: Frau Placke (Betreuung der Praktikanten in der Altenpflege und –betreuung des LSH), Frau Kruse (Leitung des Altenbereichs LSH); mit beiden wurden aber vorab Gespräche geführt, die im Ergebnis mit dem während dieser Sitzung gesagten übereinstimmten.

  Für den Wittekindshof, Zweigstelle Benkhausen: Herr Dürr (Leiter der Einrichtung), Herr Dullweber (Haus JHW, zuständig für die Koordination des Praktikums, Öffentlichkeitsarbeit), Meike Wassmann-Fliedner (Praxisanleiterin) sowie ein weiterer Mitarbeiter.

  Nach einleitenden Begrüßungsworten der Schulleiterin und einer Erklärung zum Sinn der Veranstaltung mit dem Hinweis auf eine mögliche Implementierung dieses Pilotprojekts in das Schulprogramm sowie einer allgemeinen Vorstellungsrunde berichteten zunächst die Schülerinnen von ihren Eindrücken, die sie während des Praktikums gewonnen hatten. Es stellte sich heraus, dass einige zu Beginn leichtere Probleme hatten sich zurechtzufinden, da die Mitarbeiter noch nicht in dem Maße vorbereitet waren (LSH). Die Ursachen lassen sich aber in Zukunft leicht vermeiden, da bei einem zweiten Durchgang die Anmeldung in den jeweiligen Einrichtungen zunächst telefonisch erfolgen soll. In einigen Fällen war die Ursache Krankheit von Mitarbeitern, was sich natürlich nicht immer vermeiden lässt. Diese Anfangsprobleme wurden aber nur als marginal bezeichnet.

Es war zunächst auffällig, wie ausgezeichnet die Schülerinnen im psychiatrischen Bereich zurecht kamen. „Durch die Medien wird einem ein ganz anderer Eindruck von der Psychiatrie vermittelt“, bemerkte eine Schülerin. „Es ist zwar manchmal etwas schwierig, wenn sie ihre Psychophase kriegen, aber man lernt damit umzugehen. Viele haben eben Ticks, aber wer von uns hat die nicht.“ Dies bestätigten auch die anderen Schülerinnen, die diesen Bereich kennen gelernt hatten. Sie sprachen sich ausdrücklich dafür aus anderen Schülerinnen und Schülern ein Praktikum in diesem Bereich zu ermöglichen, weil man von dieser Erfahrung profitiere. Sie empfahlen eine bessere unterrichtliche Vorbereitung auf diesen Einsatzbereich. Dies war nicht erfolgt, da zunächst es nicht vorgesehen gewesen war, Schülerinnen in diesem Bereich einzusetzen. Im Allgemeinen wurde die Vorbereitung auf den Einsatz jedoch sehr gelobt und von den Schülerinnen hervorgehoben, dass der Unterricht so interessant gewesen sei, dass man die Zeit sogar mehrfach überzogen habe.

  Der Internatsbereich des LSH stellte sich als Einsatzort nicht ganz so unproblematisch dar, was einerseits in der spezifischen Problematik dieses Bereichs begründet ist (jugendliche Aussiedlerinnen und Aussiedler, die ungefähr in dem Alter unserer Schülerinnen sind oder älter), andererseits organisatorische und konzeptionelle Gründe hat. Auch hier war keine unterrichtliche Vorbereitung erfolgt, da dieser Bereich zunächst eine Aufnahme von Praktikantinnen abgelehnt hatte. Das eigene Engagement der Schülerinnen und die Fürsprache Herrn Barks hatte erst in letzter Minute diese Option eröffnet. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern war hier zunächst allerdings nicht klar, in welchem Gesamtrahmen und mit welcher Intention dieses Praktikum stattfand (z.B. als Berufspraktikum?) In diesem Zusammenhang war auch die (scheinbare) Vorgabe von zwei Stunden wöchentlich kritisiert worden. Bei Besuchen in den Häusern konnten diese Fragen aber weitgehend geklärt werden und die Situation besserte sich.

Die anwesenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zeigten sich sehr interessiert an einer weiteren Zusammenarbeit und sahen für die Zukunft interessante Möglichkeiten und Chancen (gerade auch im Hinblick auf die Problematik der Integration jugendlicher Aussiedler in Espelkamp) (Anmerkung des Verfassers: Gerade an diesem und an dem folgenden Abend kam es zu einem Großeinsatz der Polizei in Espelkamp, da sich hier große Gruppen junger Türken und junger Russlanddeutscher feindlich gegenüberstanden und eine Eskalation befürchtet wurde.)

Die Aussage einer Schülerin brachte die Problematik dieses Einsatzortes mit Hilfe eines Vergleichs auf den Punkt: „Auf dem Wittekindshof war es so, dass alle Leute auf einen zukamen, mit einem redeten, einen umarmten. Alle waren so ganz offen. Im Internat war es genau das Gegenteil, man kam an die Leute fast gar nicht heran, die Jungen waren total cool, man kam sich fast fehl am Platze vor.“

Aus dem Altenbereich wurde positiv berichtet, das man Beziehungen habe aufbauen können, die zwei Stunden Einsatz wöchentlich den Aufbau von Beziehungen aber nicht gerade fördern. Von Seiten des Initiators wurde darauf hin eingeworfen, dass die Schülerinnen, darauf hingewiesen worden seien, dass sie die Zeit ihres Einsatzes in Absprache mit den Betreuern hätten selbst gestalten, d.h. auch einmal einen ganzen Tag in der Einrichtung hätten verbringen können. Offenbar muss dies noch deutlicher betont werden. Trotz solcher Probleme gelang es wohl, Beziehungen zu alten Menschen „aufzubauen“, die sogar das Ende des Praktikums überdauerten in Form von Besuchen.

  Das Konzept der selbstständigen Zeitgestaltung und des Zeitkontingents bewährte sich hingegen von Anfang an in Benkhausen. Die Schülerinnen konnten praktisch nicht besucht werden, weil es überhaupt keine festen Einsatzzeiten gab, sondern die Schülerinnen von der Einrichtung kontaktiert wurden, wenn sie benötigt wurden. Sowohl die Schülerinnen als auch die Mitarbeiter der Einrichtung zogen eine überaus positive Bilanz des Praktikums (siehe auch die Zeitungsartikel in der neuen Westfälischen und in der Espelkamper Zeitung, nachzulesen unter www.birger-forell-rs.de). Die Aussage einer Schülerin brachte es auf den Punkt: „Ich habe da eine ganz andere Welt kennen gelernt, da hat man wirklich richtig was gelernt!“

Die Schülerinnen aus dem Bereich Alte und Behinderte betonten, dass sie die unterrichtliche Vorbereitung als sehr gut empfunden hätten. Hier war auch der inhaltliche Schwerpunkt gesetzt worden.

 

Von allen Beteiligten wurde die Möglichkeit eines einwöchigen Einstiegspraktikums als äußerst sinnvoll erachtet, um die Einrichtung zunächst einmal in all ihren Facetten und Abläufen kennenzulernen und damit vertraut zu werden. Anschließend könne man dann die Einsatzzeiten schulbegleitend flexibel gestalten. Ein solches Einstiegspraktikum wäre schulorganisatorisch durchaus möglich, da der Sowi-Kurs 10 ohnehin für eine Woche auf dem Wittekindshof ein Sozialpraktikum absolviert und der normale Schulbetrieb für diese Zeit in den 10ten Klassen ausgesetzt ist. Diese Möglichkeit soll in den Fachkonferenzen und in der Lehrerkonferenz diskutiert werden.

 

Ein weiterer Diskussionspunkt der Runde war die Beteiligung von Jungen. Die geringe Beteiligung von Jungen wurde bedauert, aber nicht unbedingt als unverständlich gewertet. Von Seiten der Einrichtungen wurde erklärt, dass man allgemein die Erfahrung mache, dass männliche Mitarbeiter oft erst nach einer Berufsausbildung in ganz anderen Bereichen zu ihnen stießen. Bei Jungen dauere es eben länger. Trotzdem war man sich einig, dass hier Überlegungen angestellt werden müssten, wie man die Einstellung der Jungen ändern könne. Eine Schülerin der Jahrgangsstufe 9 beklagte die Oberflächlichkeit der Jungen in ihrer Klasse, erklärte aber auch, dass sie „das den Jungen auch an den Kopf werfe“. (Anmerkung des Verfassers: Diese Konflikte erscheinen mir als sehr konstruktiv. Hier findet nebenbei eine ganz andere Art sozialen Lernens statt.)

Eine Schülerin aus der 10. Jahrgangsstufe sah eher Probleme bei ihren Mitschülerinnen, die von ihrer vorgefassten Auffassung nicht mehr abgingen, und deren Vorurteile bereits verfestigt seien. Die Jungen seien hingegen eher ruhig und hörten zu. Es scheinen sich hier also Veränderungen abzuzeichnen.

Von einem gesellschaftspolitischen oder pädagogischen Effekt bei ihren Eltern berichtete eine Schülerin mit dem Einsatzort Benkhausen: „Meine Eltern haben jetzt endlich keine Vorurteile mehr den Behinderten gegenüber.“ Die Runde betonte daraufhin noch einmal die Bedeutung eines solchen Praktikums auch hinsichtlich der Außenwirkung.

Angesprochen wurde die langfristige Hinführung der Schülerinnen und Schüler der Schule an ein solches Praktikum oder zumindest zu anderen Einstellungen. Benkhausen arbeitet sehr gerne mit jüngeren Kindern und konnte dabei sehr positive Erfahrungen sammeln. Die Schülerinnen und Schüler kommen hier nicht zu einem („Zoo“-)Besuch, sondern verbringen einen halben Tag an einem ganz bestimmten Ort innerhalb der Einrichtung und werden von den geistig behinderten Bewohnern angeleitet. „Die Bewohner lehren etwas und die Kinder können etwas von ihnen lernen“. Das Konzept habe sich bisher sehr bewährt. Hier besteht die Chance, Einstellungen langfristig zu beeinflussen.
Für den Ludwig-Steil-Hof kommt dies in dieser Form nicht in Frage, da die dortigen Einrichtungen fundamental anders seien. Frau Kühn hingegen regte an, einmal darüber nachzudenken, ob es nicht möglich sei, regelmäßig ein Vorlesen im Altenheim zu organisieren. So könne man die Motivation der Schülerinnen und Schüler einerseits zum Lesen fördern und andererseits eine Begegnung von Alt und Jung fördern. Der Vorschlag stieß auf großes Interesse.

Abschließend betonten die Leiter der beiden Einrichtungen noch einmal ihr großes Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit mit der Birger-Forell-Realschule.

Herr Dürr hob ausdrücklich hervor, dass man ganz besonders gerne mit der Birger-Forell-Realschule kooperieren möchte und zwar aus zwei Gründen:

a)     Aufgrund des Erfolgs der bisherigen Zusammenarbeit und

b)     aus Gründen der gemeinsamen evangelischen Identität.

Herr Nagel verglich die bisherige Zusammenarbeit mit den Kooperationsbestrebungen der Schulen und der Wirtschaft und stellte fest, dass der soziale Bereich gerade auch im Hinblick auf soziale Berufe durchaus attraktiv sei und eine Zusammenarbeit schon in dieser Hinsicht wünschenswert und ausbaufähig sei. Auch er versicherte sein Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit.

Beide Schülersprecherinnen appellierten an die Schule ein solches Praktikum auch in Zukunft den Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen.

Ulrich Schlick

 

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