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Der Ablauf des Praktikums

Schüler und Schülerinnen begeben sich für eine Woche in eine große Einrichtung für ungefähr 2200 geistig behinderte Menschen und arbeiten dort in den verschiedensten Einrichtungen mit. Im prakti­schen Handeln, im Kontakt und Umgang mit den behinderten Menschen erwerben sie soziale Kom­petenz, lernen ihre persönlichen Grenzen und Möglichkeiten kennen und ändern nicht selten ihre Einstellungen gegenüber behinderten Menschen, bauen Vorurteile ab. In den verschiedenen Einrichtungen des Wittekindshofes (sowohl im pflegerischen Bereich als auch im schulischen -, thera­peutischen - oder Wohn- und Werkstattbereich) werden die Schüler/innen von den entsprechenden Mitarbeitern angeleitet und begleitet. Sie können ihnen Fragen stel­len und sie interviewen. Während des Praktikums findet jeden Abend sowie am Ende der Veranstal­tung eine kurze Reflexion statt. Darüber hinaus bietet der Wittekindshof verschiedene Vorträge und Gesprächsrun­den an, deren Besuch für die Schüler/innen obligatorisch ist. Experten wie Ärzte, Psychologen, Lehrer für Geis­tigbehinderte stehen den Schülerinnen und Schülern  Rede und Antwort.

Aber im Mittelpunkt steht selbstverständlich die Begegnung mit dem behinderten Menschen -  und besser als in einer Veröffentlichung von 1980 kann man es nicht formulieren: „Herausgerissen aus einer Wohlstandsgesellschaft, die auf Perfektion und Lebensbewältigung ausgerichtet ist, erlebt der junge Mensch hier das Vereinnahmtwerden durch den behinderten Mitmenschen, der ihn voll ak­zeptiert, der ihm vertraut, der ihn aber auch fordert. (...) Sie lassen ihren Gefühlen freien Lauf, un­kontrolliert treffen diese auf die stets reservierte Verhaltensweise unserer Fünfzehnjährigen. Aus dem Abwehrschock heraus gelingt es den meisten, sich gegenüber diesem Gefühlssturm langsam und geschickt zu öffnen. Dieser Vorgang des Sichbegegnens, des sich gegenseitigen Anerkennens, des Miteinanderauskommens zwingt unsere Schüler in die Position der geistig Reflektierenden. Dieses Überdenken zwingt zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen Mitmenschen.“[1]

Ergebnisse: Bei dem einzelnen Schüler führen diese Erfahrungen zu einer positiven Selbstbestäti­gung, zu mehr Selbstvertrauen und damit zu mehr Selbstbewusstsein. Für viele dient es darüber hinaus als Unterstützung bei der Berufsorientierung und nicht wenige orientieren sich um:

„Ich hatte zuerst den totalen Horror vor dem Wittekindshof und wollte auf keinen Fall dort hin (was die begleitenden Lehrer nur bestätigen können!), aber nach zwei Tagen fand ich das alles richtig Klasse“.

Die Schülerin absolvierte anschließend ein Praktikum in einer Einrichtung des Wittekindshofes und hat dort soeben eine Ausbildung begonnen.

Viele bezweifeln, dass eine Woche Praktikum in einer solchen Einrichtung einen nachhaltigen Ef­fekt haben könnte. Selbst Wissenschaftler teilen diese Auffassung. Dem muss aus den  Erfahrungen an unserer Schule heraus widersprochen werden.

Die Bedeutung des Praktikums für die Sozialisation und die kritische Reflexion ihrer selbst und der Gesellschaft wird belegt sowohl durch

 

·       die Aussagen der Schüler selbst,

 

·       die von ihnen verfassten Praktikumsberichte, als auch

 

·       anonyme Befragungen oder

 

·       spätere Rückmeldungen ehemaliger Schüler:

„Das Praktikum war in meiner Schulzeit eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich mitbekommen habe.“

Ich denke, alleine ein solcher Satz kann als Beleg gelten für die Nachhaltigkeit dieser Veranstaltung. Lassen wir noch einige Schülerinnen und Schüler zu Wort kommen:

„... Vor dem Praktikum dachte ich, dass es für mich nicht sinnvoll sei, eine Woche auf dem Witte­kindshof zu sein. Nach dem Praktikum wusste ich je­doch, dass man unbedingt eine solche Erfah­rung machen sollte. Ich habe meine Meinung dazu geändert. Die Erfahrungen, die ich auf dem Witte­kindshof sammeln konnte, waren für mich nicht un­wichtig. Denn gerade vom Umgang mit be­hinderten Menschen wusste ich nichts. Ich musste mich mit behinderten Kindern verständigen, die nicht sprechen konnten und was nicht immer einfach für mich war. Ich machte jedoch auch die Er­fahrung, dass es dort Menschen gibt, denen man die Behinderung fast nicht anmerkt und mit denen man sich ganz normal unterhalten kann.(...) Ich sehe es für wichtig an, wenn viel mehr Menschen einen Einblick in die Arbeit und den Umgang mit Behinderten bekommen könnten. Dadurch würden viele Vor­urteile, die viele Menschen gegenüber Behinderten haben, abgebaut.“ (Kevin 16 J.)

„Man kriegt eine ganz andere Sicht nicht nur von den Behinderten, sondern zu allen Menschen“. Silvia

Textfeld: Die Aufnahme entstand während eines Gottesdienstes in der „Kinderheimat“„Ich hab’ hier wirklich was gelernt. Ich habe gelernt, was wirklich wichtig ist. Es war toll, wie sich die Behinderten auch über Kleinigkeiten freuen können.“ Jenny

Man könnte diese Sammlung endlos fortsetzen. Negative Rückmeldungen sind eher selten und er­schöpfen sich eher in der Aussage, das einem „eine solche Arbeit nicht liege“.

In einer Zeit, die gekennzeichnet ist durch eine sich „entsolidarisierende Gesellschaft, in der prosoziale und altruistische Haltungen und bürgerschaftliches Engagement im Schwinden begriffen“ sind und wo eine Entwicklung festzustellen ist, die „Anlass zur Zukunftssorge um die Voraussetzungen des menschlichen Zusammenlebens in unserem Land“ gibt, setzen diakonische Praktika einen zwar kleinen aber trotzdem wichtigen Akzent.

In einer Zeit, die außerdem durch eine immer undurchschaubare Komplexität, höhere Anforderun­gen an Ausbildung und Beruf und Entfremdung vom produktiven Geschehen gekennzeichnet ist, ist es notwendig, aus dem zu Recht geschützten Raum Schule Ausflüge in die Realität zu unternehmen.

U. Schlick

[1] Weinrich, in: 20 Jahre Birger-Forell-Realschule Espelkamp (1960 – 1980), hrsg. v. Gerhard Weinrich, Renate Nötzel, Gabriele Gelker, Espelkamp 1980, S. 53.

 

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